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Bären, Geschichten, Sensationen im Nikolaiviertel…

Mit Zille, Gertraude und anderen Alt-Berliner Originalen auf Bärenspuren unterwegs… ein bäriges Vergnügen auch und insbesondere während der Nikolai-Festspiele

Wenn man heute so durch das Nikolaiviertel in Berlins Mitte spaziert, dann fällt nicht nur das für zarte Teddybärentatzen ungewohnte Kopfsteinpflaster auf, sondern auch ein Denkmal, eine Skulptur an jeder Ecke. 1230 wurde mit dem Bau der Nikolaikirche begonnen, im Jahr 1237 beginnt die hinterlassene Geschichte von Berlin – vor 780 Jahren – und das Nikolaiviertel wird die Keimzelle von Berlin und heute wieder ein beliebtes historisches Viertel. Mittendrin begrüßt uns der Gründungsbrunnen, von einem Bären bekrönt, von Teddybären umgeben und von Bruno fotografiert und somit ist klar, warum unsere Bären das Nikolaiviertel als Lieblingsort für bärige Impressionen erklärt haben (siehe auch http://berlin-nikolaiviertel.com/2017/02/neue-kolumne-baerenspuren-im-nikolaiviertel/)

© Dr. Ursula Fellberg: Teddybären der Sammlung Fellberg präsentieren sich am Bärenbrunnen im Nikolaiviertel.

Wir wollen uns nun auf Bärenspuren einige der Denkmäler und Skulpturen genauer anschauen und was liegt näher, als dieses mit BärSönlichkeiten der besonderen Spezies Ursus, der Bär zu machen?! Der folgende Plan gibt uns dazu eine kleine Orientierungshilfe:

Beginnen wir unseren Spaziergang in der Straße zum Nussbaum unter dem Schriftzug „Nikolaiviertel“, gleich „um die Ecke“ von der Straße, in der unsere Teddybären geboren sind: in der Propststraße, wo auch das berühmte „Teddys“ http://www.teddy-laden.de liegt. Gleich am Anfang der Straße steht eine 1987 nach Entwürfen von Gerhard Thieme geschaffene Skulptur. Neben dem Eckensteher Nante ist eine Blumenfrau dargestellt und Kenner unserer Bärenkolumne werden es sofort festgestellt haben, der Dritte im Bunde dieser Skulptur ist der uns schon bekannte Berliner Schusterjunge (siehe  http://berlin-nikolaiviertel.com/2017/06/baerliner-jungens-die-sind-richtig-lauseluemmel-im-nikolaiviertel/)

© Dr. Ursula Fellberg: Teddybären „Eckensteher Nante“, “Berliner Blumenfrau“ und „Berliner Schusterjunge“ sind aus der Serie „Alt-Berliner Originale“(von Hermann Coburg) von Teddy’s und gehören zur Sammlung Fellberg

Wer sind sie nun, diese Alt-Berliner BärSönlichkeiten? Beginnen wir mit Nante oder besser, dem Eckensteher Nante (1). Eigentlich war er ja ein 1803 geborener Berliner mit dem Namen Ferdinand Stumpf, der an den Straßenecken auf Gelegenheitsarbeiten wartend, alles kommentierte, was sich um ihn herum ereignete und das mit dem berühmten Witz, der ihn zum Berliner Original machte: also mit Herz und Schnauze, direkt, frech und kein Kind, äh Bär von Traurigkeit.

Es ist nicht belegt, ob und wie sie sich getroffen haben, aber da sie hier in der Skulptur zusammen stehen, haben unsere Teddybären sich ebenfalls zusammen positioniert: die Blumenfrau und der Eckensteher Nante vor Berlins berühmtesten Tor…

© Dr. Ursula Fellberg: Teddybären „Eckensteher Nante“ und “Berliner Blumenfrau“ sind aus der Serie „Alt-Berliner Originale“ (von Hermann Coburg) von Teddy’s und gehören zur Sammlung Fellberg

Die Blumenfrau Jette (2), wie sie oft genannt wird, ist eine im 18. Jahrhundert aufgekommene volkstümliche Bezeichnung für eine Hökersche, die auf Marktplätzen in Alt-Berlin Blumen verkauft(e). Wie Nante brummte sie meist derbe Dialoge in schnodderigem Berliner Jargon ohne grammatikalische Genauigkeit – ohne Punkt und Komma sozusagen. Das muss auch unseren Nante begeistert haben, denn offensichtlich verstehen sich die beiden blendend. Frei nach der  Mode des 19./20. Jahrhunderts werden die Berliner Blumenfrauen meistens mit großem geschmücktem Hut, einem Umschlagtuch über den Schultern und einer weiten knöchellangen Schürze dargestellt, umgeben von Körben und Gefäßen mit Blumensträußen. Nante „trägt“ Kümmel, na klar, und er hatte immer das letzte Wort. Ganz nach dem Motto:

„Hat der Berliner was belacht, existiert es nicht mehr für ihn“ verkörperte Nante jenen Humor, der die Berliner selbst in unruhig-zerstrittenen Zeiten vereinte.

Doch diese Blumenfrau Jette war auch nicht so ohne, flirtet sie doch als hübsch aussehende Bärin vor dem Französischen Dom mit der Berühmtheit des Nikolaiviertels herum – mit Heinrich Zille (3), der den Kindervers auf den Lippen hat, der in keinem Poesiealbum fehlen darf:

“Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein. Und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.”

© Dr. Ursula Fellberg: Teddybären „Heinrich Zille und “Berliner Blumenfrau“ sind aus der Serie „Alt-Berliner Originale“ (von Hermann Coburg) von Teddy’s und gehören zur Sammlung Fellberg

Nun also Zille! Wo steht der denn herum?

Tapsen wir auf unseren Bärenspuren weiter an Teddy’s und den berühmt berüchtigten „Dicken“ vorbei, dann kommen wir zu ihm. Die „Dicken“ sind Teddybären, die immer an der Mauer der Nikolaikirche hocken und zeigen, dass Teddy’s geöffnet hat und man zahlreiche Plüschgesellen bestaunen kann. Doch, geneigter Leser und Besucher vom Nikolaiviertel, irgendetwas stimmt doch auf dem Foto nicht? Schauen Sie mal vor Ort nach!

© Dr. Ursula Fellberg: Teddybären von Teddy’s und Bruno, der Hausherr vom Bärenmuseum www.baerenmuseum.com aus der Sammlung Fellberg

Alles andere als dick hat sich Zille (3) nebenan in der Poststraße positioniert.

© Dr. Ursula Fellberg: Teddybär Heinrich Zille“ aus der Serie „Alt-Berliner Originale“ (von Hermann Coburg) von Teddy’s und Zillefiguren, alles aus der Sammlung Fellberg

Diese Sandsteinskulptur wurde zum 150. Geburtstag von Heinrich Zille im Jahr 2008 von Thorsten Stegmann geschaffen und auch von ihm gestiftet. „Überraschend ausgemergelt“ ist auf der dazugehörigen Tafel zu lesen, denn Heinrich Zille erfreute sich üppiger Körperfülle wie es sich für einen ausgewachsenen Bären auch gehört… Zille findet man hier im Nikolaiviertel überall: ganz in der Nähe, Richtung Spreeufer, befindet sich das Zille-Museum http://zillemuseum-berlin.de , wo man mehr über Leben und Werk des 80. Ehrenbürgers von Berlin erfährt; gleich daneben gibt es die urige Zille-Stube, wo „Pinselheinrich“ mindestens einmal die Woche in einem speziellen Zille-Programm Anekdoten aus dem Leben von Zille erzählt:  urtypisch und echt Berlin, mit der berühmten „Berliner Schnauze“ in einer eindrucksvollen Theatervorführung zu Zilles Milljöh. Doch wer war nun dieser Zille?

Überall, wo sich das Volk tummelte, zeichnete er mit Sinn und Verständnis für die kleinen Leute, ihre Sorgen und Nöte. Das brachte ihm viele Namen ein („Vater der Straße“, „Pinselheinrich“) und einen Professorentitel. Das Milljöh fühlte sich von ihm verstanden und so war und ist Zille unglaublich. Zille hat oft den armen Leuten geholfen, um die größte Not zu lindern
„Ich helfe soviel ich kann- Mund will essen und da helfe ich direkt in den Mund“.

Wie sein Namenspatron, der häufig im „Nussbaum“, einer Eckkneipe im Herzen Berlins saß und im Verborgenen die Gäste portraitierte, macht das nun unser Teddybär. Seine Figuren und Szenen stammten vornehmlich aus der sozialen Unterschicht und aus Randgruppen. Einige Jahre später gab es dann wieder einen „Zille“: Wer erinnert sich nicht von uns Bären an die tolle Fernsehsendung „Dalli Dalli“, in der es immer diese bärigen Luftsprünge gab!

Unser Bär Oskar ist benannt nach dem Zeichner Hans Bierbrauer, der dort blitzschnell und spontan Schnellzeichnungen/Karikaturen erstellt hat.

Die Berliner mochten seine Karikaturen und fanden sie „frech wie Oskar“ –  bei uns trifft Zille auf Oskar…

© Dr. Ursula Fellberg: Teddybär Heinrich Zille “aus der Serie „Alt-Berliner Originale“ (von Hermann Coburg) von Teddy’s und Teddybär Oskar von der Künstlerin Anja Fohmann (nur 15 Exemplare), alles aus der Sammlung Fellberg

So, nach soviel Zeichnen wollen Bären nun Musik hören. Weiter geht es auf unseren Bärenspuren zur Ecke Poststraße/Rathausstraße. Dort steht im Biergarten vom Restaurant Reinhard die Bronzegruppe Leierkastenmann (4) von Gerhard Thieme aus dem Jahr 1987. Zünftig in Frack und Zylinder dreht der Mann seinen Leierkasten, auf dem ein Affe sitzt. Oben auf dem Leierkasten steht schon eine Schale bereit, um das Geld aufzunehmen. Auf dem Rücken hat er eine Pauke mit Schellen geschnallt.

Bis zu 3000 Drehorgelspieler, von den Berlinern liebevoll “Leierkastenmänner” genannt, zogen in der wilhelminischen Zeit durch die Berliner Straßen und Hinterhöfe. Wenn die Musik von der Holzwalze erklang, die mit Metallstiften versehen war, schmissen die Zuhörer Groschen aus dem Fenster, gut verpackt in Zeitungspapier – das Äffchen sammelte sie ein.

Und das ist bis heute so geblieben; trifft man auf einen Leierkastenmann irgendwo, legen die Menschen dem Drehorgelmann gerne ihr Kleingeld auf den Leierkasten, als Anerkennung für die Freude, die er ihnen bringt. Seine Musikstücke waren und sind Gassenhauer und so mancher Hund findet das zum Bellen oder zum „Beinchen“ heben! Sollte ein Tanzbär in der Nähe sein, könnte man ein besonderes Spektakel beobachten!

Auf vielen Zille-Zeichnungen ist der Leierkastenmann verewigt und Willi Kollo hat in seinem Lied “Lieber Leierkastenmann” den besonderen Bezug der Berliner zu dem Spiel der Leierkastenmänner eingefangen. Übrigens, Bärinnen aufgehorcht, natürlich könnte der Leierkastenmann im Zuge der Gleichberechtigung von Bären auch eine Leierkastenfrau sein; aber heute würde man keinen echten Affen mehr auf dem Leierkasten sehen, sondern nur noch aus Plüsch oder Stroh – Tierschutz sei Dank!

© Dr. Ursula Fellberg: Teddybär „Berliner Leierkastenmann“ aus der Serie „Alt-Berliner Originale“ (von Hermann Coburg) von Teddy’s sowie Steiff-Affe und Steiff-Hunde aus den 50 er Jahre; alles aus der Sammlung Fellberg

Apropo Tierschutz! Was passiert denn beim nächsten Denkmal am Spreeufer, beim Heiligen Georg (5)? Mord und Totschlag? Die Bronzeskulptur St. Georg im Kampf mit dem Drachen ist 1853 von August Kiss und der Gießerei Lauchhammer hergestellt, stand zuvor im Volkspark Friedrichshain und ursprünglich im Hof des Berliner Stadtschlosses. Der Heilige Georg, welcher hoch zu Ross den Drachen tötet und der Legende nach nicht nur eine Prinzessin, sondern eine ganze Stadt von dem Ungetüm befreit, ist eines der am meisten fotografierten Denkmäler Berlins.

Erstmals wurde der heilige Georg zur Zeit der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert mit dem Begriff des Drachentöters in Verbindung gebracht. Georg rettet die jungfräuliche Königstochter vor einer Bestie, dem Drachen, indem er ihn tötet. Die Jungfrau ist ein Opfer, das der Drache von der Bevölkerung fordert. Nach dem Erschlagen des Drachen ist das Land vom Bösen befreit und viele Menschen lassen sich taufen. Der Drachenkampf symbolisiere den mutigen Kampf gegen das Böse. Na ja, wie man auf unserem bärigen Foto sieht, geht alles gut aus und „wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…“

© Dr. Ursula Fellberg: Teddybär „Ritter“ und Steiff Babydrache Rudi sowie zwei herzige „no names“ Teddys; alles aus der Sammlung Fellberg

Tapsen wir nun weiter zum letzten Denkmal, dass wir heute besuchen wollen.

Ja aber, wo ist es denn? Im Januar war es doch noch da?

Wo ist die Statue der Gertraude? Ist die auch geklaut worden wie so manch anderes Kulturgut in Berlin? Die über 100 Jahre alte Bronzefigur der Heiligen Gertraude (6) von der Gertraudenbrücke, die auf die Spreeinsel führt, ist weg! Typisch Berlin: Die Statue der Gertraude steht seit April nicht mehr auf der Gertraudenbrücke in Mitte, sondern in Friedrichsfelde – im Depot des Landesdenkmalamtes. Die Statue wurde entfernt, da die Gertraudenbrücke saniert wird. Die Zeit nutzt das Denkmalamt nun, um die Statue zu restaurieren. Sie kann wohl frühestens 2018 auf ihren Platz bei der Spreeinsel zurückkehren, so lange werden die Brückenarbeiten mindestens andauern. Wer kann das Angesicht der Bauplanungen von BER und Staatsoper glauben?

Der Schock der Berliner saß tief, denn die Statue war schon einmal weg! Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ließ die Stadt die Bronzeskulptur abbauen, weil sie zu Kriegsgerät umgeschmolzen werden sollte. Der Bronzegießer Hans Füssel (1897–1989) versteckte die Figur jedoch und konnte sie so vor der Vernichtung bewahren. 1954 kam die „Brückenheilige“ auf ihren Platz zurück.

Gut, das wir im Januar fotografiert haben; hier das Ergebnis: unsere Bären zeigen sich, als die Bärenwelt noch in Ordnung war… und die Mäusewelt auch!

Die drei Meter hohe Statue soll die Äbtissin Gertrud des Klosters Nivelles aus dem 7. Jahrhundert darstellen. Sie ist Schutzpatronin gegen Mäuse- und Rattenplagen, der Reisenden und Pilger, der Gärtner und der Armen und Witwen. Die zahlreichen Tierchen sind am Postament in Bronze gegossen, ihr Streicheln verheißt eine ständige Geldvermehrung im eigenen Portemonnaie. Nun ja, wer glaubt wird selig. Das Phänomen kennen unsere Bären von München; denn jeder Münchner tut es: Im Vorbeigehen hilft man seinem Glück auf die Sprünge, indem man die goldenen Löwen-Schnauzen in der Residenzstraße streichelt.

Alles Unsinn: Glück hat man, wenn man uns Teddybären über die Schnauze streicht und uns an allen pelzigen Stellen streichelt!!!

© Dr. Ursula Fellberg: Teddybär „Mausebärchen“ von Hermann Coburg aus der Sammlung Fellberg

Ankündigung:

„Hymne auf Berlin“… „Dit find ick Knorke!“ …

 es ist da, die Jubiläumsausgabe zum Geburtstag von Berlin „780 Jahre bewegte Geschichte erlebbar 1237 -2017“

Das Buch ist ein tolles Angebot, Bärlin mit leicht verdaulichem Geschichtswissen kennenzulernen. Die Emotionen der Bären und die Leidenschaft zu Geschichte und Geschehen sind „!iebensjewürzich“. Hier wird nicht mit einem umfassenden Geschichtsbuch Konkurrenz gemacht, hier wird kein weiterer Reiseführer vorgestellt, hier wird pure Lebensfreude vermittelt! „Dit macht Lunte!“ Schauen Sie mal rein…

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