Die Weiße Frau – Eine Berliner Spukgeschichte

21. November 2025

Das Nikolaiviertel hat viele Geschichten zu erzählen – allerdings nicht nur von realen Personen, wie Lessing und Mendelsohn, sondern auch Legenden und Gespenstergeschichten. Einer dieser Geschichten ist die 15. Tafel des historischen Pfades in der Poststraße gewidmet: Carl Gause & Geisterglaube. Es ist die Spukgeschichte von der weißen Frau.

Wer von der Nikolaikirche zum Spreeufer spaziert und den roten Sandstein des Kurfürstenhauses betrachtet, ahnt nicht, daß dieses Gebäude seinen Namen nicht seinem Bauherrn oder Architekten verdankt, sondern daß sich dahinter eine wahrlich gruselige Geschichte verbirgt.
Carl Gause, der zwischen 1895 und 1897 den spreeseitigen Teil der Kurfürstenhöfe errichtete, schuf ein prachtvolles Geschäftshaus im deutschen Renaissancestil. Zur anderen Seite hin erstreckt sich der Komplex auf das Grundstück Poststraße 4. 1927 wurde es nochmals erweitert und heute steht es unter Denkmalschutz. Gause war übrigens einer der großen Baumeister seiner Zeit – aus seiner Hand stammen in Berlin auch das Savoy-Hotel, das Bristol, die Weinhandlung Borchardt und, erst nach Gauses Tod vollendet, das alte Adlon.

Das Kurfürstenhaus aber trägt seinen Namen wegen eines Hohenzollern, Kurfürst Johann Sigismund, der einem Spuk im Schloss entkommen wollte – und doch nicht konnte.

Der Geist, vor dem er fliehen wollte, ist die berühmteste Erscheinung der Berliner Sagenwelt: die Weiße Frau, Hausgeist der Hohenzollern, Todesbotin und quasi ein Schatten der Dynastie. Der Ursprung dieser Sage findet sich im Mittelalter und drei Personen werden mit ihr verbunden. Eine ist Bertha von Rosenberg, die im 15. Jahrhundert an gebrochenem Herzen gestorben sein soll. Die bekannteste ist Kunigunde von Orlamünde, deren Geschichte von tragischem Missverständnis und unerwiderter Liebe erzählt. Sie soll aus Sehnsucht nach Burggraf Albrecht dem Schönen ihre Kinder verloren haben und als unruhiger Geist den Hohenzollern folgen. Und die jüngste Gestalt ist schließlich Anna Sydow, die „Schöne Gießerin“, Geliebte des Kurfürsten Joachim II., die nach seinem Tod in der Spandauer Festung eingekerkert wurde und dort starb. Dem Ehebrecher soll sie kurz vor dessen Ende als warnender Schatten erschienen sein.

Als die Hohenzollern nach Berlin übergesiedelt waren und das Stadtschloss errichtet hatten, folgte die Weiße Frau ihnen an die Spree. Schon meinte man, sie in den Gemächern gesehen zu haben, auf Treppen, in dunklen Gängen. Man erzählte sich, sie erscheine immer kurz vor dem Tod eines Familienmitglieds. Aberglaube mischte sich mit höfischer Angst, und bald war der Spuk ein Bestandteil der Berliner Chroniken. Kurfürst Johann Georg soll sie am Neujahrstag 1598 gesehen haben – wenige Tage später war er tot. Und ein Höfling soll unter dem Großen Kurfürsten nach einer Begegnung mit ihr die Treppe hinab gestürzt sein.

Doch kaum ein Ereignis prägte den Ruf der Weißen Frau so sehr, wie der Tod des Kurfürsten Johann Sigismunds im Jahr 1619. Der Kurfürst, geschwächt durch einen Schlaganfall und schwere Gicht, fürchtete die Erscheinung mehr als alle seine Krankheiten. Die Legende erzählt, daß er die Weiße Frau im Schloss sah, wie sie wortlos durch die Wände glitt, daß ihr Gewand wie Spinnweben im Luftzug vibrierte. Entsetzt floh er – hinaus aus den Sälen der Macht über die Spree, hinein in die engen Gassen des Nikolaiviertels.

Er suchte Zuflucht in der Poststraße, im Haus seines Kammerdieners Anton Freytag. Das Gebäude, ein schlichtes Bürgerhaus mit Blick auf die Kirche, war das genaue Gegenteil des Schlosses. Hier glaubte er, der Unheilsbotin und dem Tod ausweichen zu können. Einen Monat zuvor hatte er bereits die Regierungsgewalt an seinen Sohn abgegeben und nun hoffte er, einige ruhige Wochen zu gewinnen. Doch die Weiße Frau – so fürchtete er – fand jeden Hohenzollern, gleichgültig, wohin er sich wandte.

Am 23. Dezember 1619 starb Johann Sigismund im Haus seines Dieners, umgeben von Familie und Vertrauten. Über seinem Sterbebett ließ Anton Freytag später eine bronzene Gedenktafel anbringen, die in lateinischer Schrift den Zeitpunkt des Endes seines Herrn festhielt. Doch in der Stadt erzählte man sich etwas anderes: Die Weiße Frau habe ihn gefunden…

Als das Berliner Schloss umgebaut wurde oder durch die im 19. Jahrhundert ergänzte Kuppel wuchs und auch das Nikolaiviertel sich veränderte, blieben die Sichtungen bestehen. Zeitungsberichte des 18. Jahrhunderts erwähnten die weiße Frau, romantische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts griffen die Sage erneut auf. Man glaubte, sie im Schloss, auf der Spreebrücke und sogar in der Zitadelle Spandau gesehen zu haben. Und natürlich in den Gassen des Nikolaiviertels – immer in Weiß, immer schweigend, immer kurz vor dem Tod.

Und so stehen das Kurfürstenhaus am Spreeufer und die Kurfürstenhöfe in der Poststraße heute als stille Zeugen einer Geschichte, die sich über Jahrhunderte gefestigt hat – einer Legende, die Architektur, Politik und Aberglauben miteinander verwebt. Das Haus verdankt seinen Namen dem Versuch eines Hohenzollern, an dieser Stelle einem Spuk zu entkommen und in Berlin sagte man seitdem: „Die Weiße Frau findet jeden“.