Drei Berliner Charakterköpfe in Bronze sagen „Willkommen im Nikolaiviertel“

29. Juni 2026

Wer das Nikolaiviertel gegenüber vom Roten Rathaus über den nordöstlichen Eingang an der Ecke Spandauer Straße / Am Nußbaum betritt, begegnet nach wenigen Schritten drei ganz besonderen Persönlichkeiten – und die „erzählen“ jede Menge Geschichten über das alte Berlin. Die Bronzeskulptur „Altberliner Originale“ des Bildhauers Gerhard Thieme zeigt drei Figuren, die stellvertretend für das Berliner Leben des 19. Jahrhunderts stehen: den Eckensteher Nante, die Altberliner Blumenfrau und den Berliner Schusterjungen. Seit ihrer Aufstellung im Jahr 1987 gehört die Figurengruppe zu den beliebtesten Fotomotiven des Viertels – und wer einen Moment innehält, entdeckt weit mehr als nur drei Bronzefiguren.

Im Mittelpunkt steht der berühmte Eckensteher Nante. Der Ausdruck „Eckensteher“ beschreibt jemanden, der an einer Straßenecke auf Arbeit wartet oder das Geschehen beobachtet. Nante war jedoch weit mehr als ein einfacher Dienstmann. Mit seinem trockenen Humor, seiner Schlagfertigkeit und seiner Fähigkeit, jede Situation mit einem passenden Spruch zu kommentieren, entwickelte er sich im 19. Jahrhundert zu einer echten Berliner Kultfigur. Theaterstücke und Erzählungen machten ihn weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Gerhard Thieme stellt ihn entspannt an einen Wegweiser gelehnt dar – als hätte er gerade Zeit für ein Schwätzchen mit den Passanten.

Ebenso sympathisch wirkt die Altberliner Blumenfrau, die mit ihren Blumenkörben den Duft der alten Straßenmärkte fast greifbar werden lässt. Früher gehörten Blumenverkäuferinnen zum vertrauten Bild Berlins. Sie boten ihre Sträuße auf Plätzen und an Straßenecken an, kannten ihre Stammkunden und waren oft ebenso gute Unterhalterinnen wie geschickte Händlerinnen. In der Skulptur verkörpert sie die herzliche, fleißige Seite der Stadt und erinnert daran, dass das Leben in Berlin schon immer von den Menschen geprägt wurde, die täglich unter freiem Himmel arbeiteten.

Die dritte Figur, der Berliner Schusterjunge, steht für die jüngsten Mitglieder der arbeitenden Bevölkerung. Viele Kinder halfen damals in Handwerksbetrieben mit oder erledigten Botengänge. Auch wenn ihre Aufgaben aus heutiger Sicht ungewöhnlich erscheinen, gehörten sie zum Alltag der schnell wachsenden Großstadt. Der lebhaft dargestellte Junge bringt Bewegung in die Figurengruppe und verleiht ihr eine fröhliche, fast spielerische Ausstrahlung.

Gemeinsam erzählen die drei Figuren vom alten Berlin – einer Stadt voller Originale, in der Humor, Fleiß und eine gehörige Portion Selbstbewusstsein zum Alltag gehörten. Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz der Skulptur aus. Besucher können sich leicht vorstellen, wie Nante einen frechen Kommentar abgibt, die Blumenfrau ihre Ware anpreist und der Schusterjunge eilig seinen nächsten Auftrag erledigt. So wird Stadtgeschichte auf unterhaltsame Weise lebendig.

Übrigens: der Wegweiser mit den Richtungen Mitte, Pankow und Köpenick ist mehr als ein dekoratives Detail. Eine offizielle Erklärung für seine Bedeutung ist zwar nicht überliefert. Naheliegend ist jedoch, dass er die verschiedenen historischen Teile Berlins symbolisch miteinander verbindet. So wirkt der Eckensteher Nante beinahe wie ein Stadtführer, der Besucher am Eingang des Nikolaiviertels begrüßt und ihnen augenzwinkernd den Weg durch die Hauptstadt weist.

Geschaffen wurde die Figurengruppe von Gerhard Thieme (1928–2018), einem der bedeutenden Bildhauer der ehemaligen DDR. Nach seiner Ausbildung studierte er Bildhauerei in Dresden und Berlin und war Meisterschüler des renommierten Künstlers Fritz Cremer. Schon früh spezialisierte sich Thieme auf Plastiken für den öffentlichen Raum. Sein besonderes Talent bestand darin, Menschen nicht nur naturgetreu darzustellen, sondern auch ihren Charakter sichtbar zu machen. Seine Figuren wirken niemals steif oder distanziert – sie scheinen mitten aus dem Leben gegriffen.

Zu seinen weiteren Arbeiten gehören die markante Bronzeplastik „Bauarbeiter“, der verspielte Brunnen „Kletternde Kinder“ in Pankow, die Skulptur „Archimedes“, der „Stahlwerker“ sowie verschiedene Denkmalanlagen und Porträtplastiken. Viele seiner Arbeiten verbinden handwerkliche Präzision mit einer großen Nähe zum Alltag der Menschen – ein Merkmal, das auch die „Altberliner Originale“ auszeichnet. Und im Nikolaiviertel selbst findet sich gleich zwei weitere Werke von Gerhard Thieme – das bronzene Stadtsiegel vor der Nikolaikirche und die Sandsteinreliefs am Gründungsbrunnen.